Fensterstürze

von Daniela Chmelik

Ich stehe ständig neben dem Leben, bin Stadtstreicher und Tagedieb, Sätzesammler und Wörterspeier, einziges Mitglied in meinem Club zerschredderter Zukunftspläne und mutloser Herzen, moldaubegleitender Leierkastenmann ohne faktisches Musikinstrument. Überhaupt ohne Habseligkeiten. Kde domov můj? Meine Stadt ist Prag. Hierher gehört mein Grab. Ich gehe am Fluß entlang, auf dem Schwäne schwimmen, gehe an Fenstern vorbei, mag Menschen leben hören und sehen. Ich sehe: ein goldenes Mützchen an einer Wäscheschnur im Wind wehen, eine Frau auf einer Pawlatsche sich dehnen, ein Stockwerk über ihr eine Babička aus dem Fenster lehnen und mit sich selbst reden, während das Kissen, auf dem sie ihre Ellbogen bettet, ins Rutschen gerät. Ich sehe: große weiße und rosa Blütenblätter vom Baum schweben wie tote Schmetterlinge.
Es beginnt zu regnen und ich bleibe stehen. Ein Hund mit Pfote in Gips, der voller bunter Namen ist, eilt vorbei, zwei junge Frauen ziehen Jacken über Köpfe, ich erlausche Fetzen von vorbeigehenden Sätzen, die ich wiederkäue, an eine Hauswand mich drückend, um nicht nass zu werden. Jemand spuckt ein kleingekautes Kaugummi aus einem Fenster, und dann stürzt ein schwarzer Plastikvogel vom Dach: Krach. Links von mir liegt im Schaufenster einer Änderungsschneiderei im Mai noch weihnachtliche Deko. Nebenan: neun Sorten Torten nebst Eingemachtem und Selbstgebranntem. Die Konditorin lächelt brach, als ich einkehre und sie frage, ob ich mich setzen darf. Die Kaffeemaschine schluchzt. Draußen zwinkert ein Autoblinker. Ich starre den Stundenzeiger am gegenüberliegenden Gebäude an, er bewegt sich; ein welkes Blatt im kranken Baum dreht sich und fällt nicht. Als nur noch sieben graue Wolken am Himmel sind, schiebe ich meinen Stuhl zurück, auch dünner Kaffee macht rastlos, und verabschiede mich von den Plastikblumen. Die Stadt steht Kopf im Fluß. Vor Jahrzehnten erschien ein Text in der Revolver Revue, der dies als Titel trug, im Jahr von Krtek a paraplíčko: Der Regenbogen liegt in einer Pfütze. Prag ist eine Stadt der Stürze. Vor der Tram zünden manikürte Finger eine Marlboro an, indes ich mich nicht getraue zu fragen, ob ich eine haben kann. Vom Rückspiegel der Straßenbahnfahrerin hängt ein Strauß Thymian. Ich verlasse Kleinseite, Zentrum, Stadt und nehme unter meiner Slavia Praha-Fahne aus dem Altkleidercontainer Platz. Jemand geht durch die Sonne und nimmt mir das Licht, tatöwierte Sterne auf seinem Arm, am Himmel noch nicht. Aus einem offenen Fenster stürzen Wörter, Sätze, Streit, Papierschnipsel, Noten, Nöte, Töne, Leid. Aus einem anderen Fenster wirft ein Mann Vögeln Brotkrumen zu, streut ein paar Krumen auf seine Fensterbank und bringt dabei zwei seiner Kräutertöpfe zum Absturz. In mir wird Hunger wach, und als ich loskrieche, um mir die Kräuter zu sichern, wird aus dem ersten Fenster unter Schreien und Weinen eine Gummipuppe geworfen; sie fällt aufs Gesicht; ich ducke mich. Der Brotkrumen-Mann kommt aus dem Haus, sammelt seine Kräuter auf, während ich flink das gestürzte Gummiding unter meine Decke stecke. Wie unwirtlich die Wirklichkeit ist, sage ich, trinke von meinem Wein, schlafe ein und lasse in Träumen Ascheflocken, Federbetten, Papierflieger, Socken, Lieder und parek v rohliku auf mich niederregnen.
Ich heiße nicht Bohumil, Hrabal starb in Prag, ich lebe.

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